Energiemarkt-Kommentar: Waffenruhe in Nahost – vorsichtige Entspannung bei Strom und Gas

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Mit dem Ausbruch offener kriegerischer Handlungen im Nahen Osten von Ende Februar erleben die Energiemärkte einen massiven Preisschock. Gegenseitige Angriffe auf die Gasinfrastruktur in Katar und dem Iran sowie die Blockade der Straße von Hormus treiben die Gas- und Stromkurse für die kommenden Lieferjahre auf neue Allzeithochs. Eine überraschende Waffenruhe Anfang April sorgt zwar für eine kurzfristige Entspannung an den Terminmärkten, doch die fundamentale Lage bleibt äußerst fragil und droht die globale LNG-Versorgung dauerhaft zu verändern.

Strom-Frontjahr steigt im März bis auf 99 €/MWh

Stromkurse Deutschland für Lieferung in den kommenden Jahren
(Quelle: ISPEX Kompass, Daten: EEX)

Anfang März startet der Stromkurs für das Frontjahr DE Base 2027 parallel zum Kriegsbeginn in Nahost bei 81,47 €/MWh, was zugleich das bisherige Minimum der Betrachtungsperiode markiert. Von hier aus geht es steil bergauf: Bereits am 9. März notiert der Future bei 97,72 €/MWh. Nach einer kurzen Verschnaufpause zur Monatsmitte um 92 €/MWh setzt ein erneuter Aufwärtstrend ein. Dieser gipfelt am 20. März im Höhepunkt von 99,34 €/MWh – ein Preissprung von 21,9 % seit Monatsbeginn. Im April schließt DE Base 2027 am Dienstag nach Ostern bei 95,11 €/MWh. Mit der am 8. April verkündeten Waffenruhe zwischen dem Iran und den USA fällt die Notierung im Tagesverlauf zunächst wieder unter die Marke von 90 €/MWh.

Die Notierung für das Folgejahr, DE Base 2028, verläuft weitgehend parallel zum Frontjahres-Future, weist aber eine geringere Schwankungsbreite auf. Ausgehend vom Tiefstand von 73,28 €/MWh am 2. März klettert der Kurs in die Höhe und erreicht sein Maximum von 79,88 €/MWh am 23. März. Dies entspricht einem Zuwachs von rund 9,0 %. Zuletzt pendelt sich der Wert im Bereich um 78 bis 79 €/MWh ein und schließt am 7. April bei 78,88 €/MWh. Mit dem Waffenstillstand am folgenden Tag geht es zuletzt um mehr als 2 €/MWh abwärts.

Iran-Krieg sorgt für neue Rekordwerte bei THE 2027

Gaskurse Deutschland für Lieferung in den kommenden Jahren
(Quelle: ISPEX Kompass, Daten: EEX)

Der Blick auf die Entwicklung des Gas-Futures THE 2027 im März offenbart einen enorm volatilen Monatsverlauf, geprägt von den massiven geopolitischen Verwerfungen im Nahen Osten. Startet die Notierung am 2. März noch bei 30,86 €/MWh, so klettert sie rasch über die 40-Euro-Marke, besonders getrieben von Drohnenangriffen des Iran auf Energieanlagen in Katar. Eine drastische Zuspitzung erfolgt ab dem 18. März, als israelische Angriffe auf das iranische Gasfeld South Pars und iranische Gegenschläge auf die katarische LNG-Infrastruktur in Ras Laffan die Märkte erschüttern. Daraufhin erreicht THE 2027 am 19. März sein Allzeithoch von 48,64 €/MWh – ein dramatischer Preissprung von 58 % seit Monatsbeginn.

Erst als US-Präsident Trump am 23. März sein Ultimatum an den Iran bezüglich einer Freigabe der Straße von Hormus verlängert und auf Verhandlungen verweist, entspannt sich die Lage leicht. Zum April-Auftakt fällt der Kurs auf rund 41 €/MWh zurück, zieht aber nach erneuten US-Angriffen auf den Iran wieder auf 43,79 €/MWh an. Mit der Verkündung des Waffenstillstands am 8. April fällt das Gas-Frontjahr im Tagesverlauf unter die Marke von 38 €/MWh – bleibt damit gemessen am Stand vor Kriegsbeginn von knapp 29 €/MWh allerdings auf einem stark erhöhten Niveau.

Die Preisentwicklung für das Folgejahr, THE 2028, folgt einem ähnlichen Muster, schlägt aber mit weniger Vehemenz aus. Das Monatsminimum liegt am 2. März bei 25,22 €/MWh. Auch hier treiben die wechselseitigen Angriffe auf die Gasinfrastruktur im Nahen Osten den Kurs nach oben. Sein Maximum erreicht der Future jedoch erst wenige Tage später als das Frontjahr: Am 23. März gipfelt THE 2028 bei 34,15 €/MWh, was einem Anstieg von gut 35,4 % seit Anfang März entspricht. Auch im Nachgang der leichten Entspannung an den Energiemärkten behauptet sich THE 2028 auf hohem Niveau und schließt im April zuletzt bei 31,52 €/MWh. Im Verlauf des 8. April gibt die Notierung zuletzt auf etwa 29 €/MWh nach.

Der Iran-Krieg und seine Folgen

Der zentrale Verflüssigungskomplex Ras Laffan in Katar repräsentiert Stand 2025 rund 19 % der weltweiten LNG-Kapazität. Am 18. März überwinden iranische Raketen die dortige Luftabwehr und treffen die Anlage schwer. Zwei Produktionsstränge werden beschädigt, was einem Ausfall von knapp 13 Mtpa oder 17 % der katarischen Anlage entspricht. Damit fallen schlagartig rund 3 % des globalen Angebots weg, wobei die Reparaturarbeiten laut katarischen Angaben voraussichtlich drei bis fünf Jahre in Anspruch nehmen werden.

Die Preisreaktion am Terminmarkt fällt drastisch aus – THE 2027 springt in der Spitze auf fast 49 €/MWh – doch der Anstieg hält sich angesichts der fundamentalen Bedrohung für den Weltmarkt noch in Grenzen. Der Grund dafür liegt im unterschiedlichen Verhalten der Marktteilnehmer: Während asiatische Importeure rasch LNG-Ladungen aufkaufen, die ursprünglich für Europa bestimmt sind, halten sich europäische Einkäufer weitgehend zurück. Sie setzen auf fallende Preise und können sich diese abwartende Haltung dank ihrer Gasvorräte noch für einige Wochen leisten.

LNG-Preise Ostasien vs. Europa vs. Gaspreis EU
(Frontmonat, umgerechnet, Quelle: ISPEX Kompass, Kurse: CME)

Am heutigen 8. April einigen sich die USA und der Iran unter Vermittlung Pakistans zwar auf eine zweiwöchige Waffenruhe sowie die Freigabe der Schifffahrt durch die Straße von Hormus. Dennoch bleibt die Lage äußerst fragil, denn wie die unvereinbaren Positionen der Kriegsparteien dauerhaft zusammengebracht werden können, ist derzeit schwer vorstellbar. Selbst nach der Ankündigung der Feuerpause dauern wechselseitige Angriffe zwischen dem Iran und Israel an, zudem beabsichtigt Israel, den Krieg im Libanon fortzusetzen. Der Konflikt könnte jederzeit wieder eskalieren, etwa wenn einzelne Gruppierungen der iranischen Revolutionsgarden auf eigene Faust attackieren oder Israel eigene, von den US-Interessen abweichende Ziele verfolgt.

Unter Analysten und im Energiehandel wird daher ein Szenario mit einiger Wahrscheinlichkeit diskutiert, bei dem es dem Iran dauerhaft gestattet werden könnte, einen „Zoll“ für die Passage durch die Straße von Hormus zu erheben. Faktisch zahlen dann nicht die USA, sondern die Empfänger des LNGs aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten für die entstandenen Kriegsschäden. Diese geopolitische Verwundbarkeit hinterlässt tiefe Spuren in der strategischen Planung: Gerade in Asien wird LNG als verlässlicher Bestandteil des Energiemixes aufgrund der massiven Importabhängigkeit nun infrage gestellt. Kurz- bis mittelfristig führt dies zu einer verstärkten Nutzung von Kohle, während langfristig ein noch rascherer Wechsel zu den Erneuerbaren angestrebt werden dürfte.

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Ergebnisse der Studie Energiewende 2025
(Lea Mohnen, Agora Industrie)

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Die Teilnahme am ISPEX Energiefrühstück ist bis auf Weiteres kostenfrei.
Die kostenfreie Teilnahme am ISPEX Energiefrühstück richtet sich an Vertreter aus Unternehmen und Institutionen aus Industrie, Wirtschaft und öffentlicher Hand.
Aus Kapazitätsgründen behalten wir uns vor, Anmeldungen von Mitbewerbern kurzfristig zu stornieren.

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Die Analyse der genannten Energiepreise wurde mit größtmöglicher Sorgfalt erstellt und dient lediglich zu Informationszwecken. Die ISPEX AG und/oder der Autor übernehmen weder das Risiko einer Investitionsentscheidung, die auf obiger Analyse basiert, noch Verantwortung für eventuell daraus entstehende Verluste oder Kosten. Diese trägt der Investor alleine.

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