Energiemarkt-Kommentar: Unsicherheit als Dauerzustand
Von ISPEX am 5. Mai 2026
Der April markiert den Übergang vom akuten Preisschock zur strukturellen Unsicherheitsprämie: Die Straße von Hormus bleibt umkämpft, die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran stecken fest, und ein widersprüchliches Geflecht aus Waffenruhe, Blockade und gegenseitigen Angriffen macht eine verlässliche Preisfindung nahezu unmöglich. Besonders die Gaspreise schwingen heftig und notieren wie die Stromkurse weiterhin deutlich über Vorjahresniveau. Mit den direkten Gefechten Anfang Mai zwischen US-Marine und iranischen Streitkräften bahnt sich eine erneute Eskalation an.
Strom-Frontjahr 21 % über Vorjahr
Stromkurse Deutschland für Lieferung in den kommenden Jahren
(Quelle: ISPEX Kompass, Daten: EEX)
Startet DE Base 2027 am 1. April noch bei 91,89 €/MWh, zieht der Future rasch bis auf 95,11 €/MWh am 7. April an. Anschließend gibt die Notierung deutlich nach und fällt am 15. April auf ihr Monatsminimum von 87,79 €/MWh. Die Schwankungsbreite beläuft sich damit im April auf 8,3 %. In der zweiten Monatshälfte arbeitet sich der Kontrakt wieder nach oben und beendet den Monat mit 91,68 €/MWh nahezu auf dem Niveau des Monatsauftakts.
Die Notierung für das Folgejahr, DE Base 2028, weist mit einer Schwankungsbreite von 4,7 % eine spürbar geringere Dynamik auf als das Frontjahr. Nach dem Monatsstart bei 77,64 €/MWh gibt der Future zunächst bis auf sein Minimum von 76,35 €/MWh am 10. April nach. Von dort aus klettert der Kurs kontinuierlich auf das Monatsmaximum von 79,97 €/MWh am 24. April, bevor er den Monat bei 79,03 €/MWh beendet.
Im größeren zeitlichen Zusammenhang bleiben beide Lieferjahre deutlich über dem Vorjahresniveau. Während sich der Strompreis für das Jahr 2027 innerhalb von zwölf Monaten aktuell um 20,7 % verteuert, beträgt das Plus bei DE Base 2028 rund 13,5 %.
THE 2027 im April zwischen 35 und knapp 44 €/MWh
Stromkurse Deutschland für Lieferung in den kommenden Jahren
(Quelle: ISPEX Kompass, Daten: EEX)
THE 2027 startet am 1. April bei 40,97 €/MWh in den neuen Monat und steigt zunächst deutlich an bis auf 43,79 €/MWh am 7. April — getrieben von militärischen Angriffen der USA und Israels auf iranische Infrastruktur, die eine weitere Eskalation rund um die Straße von Hormus befürchten lassen. Mit der am 8. April vereinbarten Waffenruhe und der vermeintlichen Aussicht auf freien Schiffsverkehr durch Hormus gibt der Kontrakt die gesamten Gewinne rasch wieder ab.
Obwohl die Verhandlungen in Pakistan am 12. April scheitern und die USA ab dem 13. April eine Blockade iranischer Schiffe verhängen, setzt sich der Abwärtstrend fort: Meldungen über eine mögliche Verlängerung der Waffenruhe und die überraschende Erklärung des Iran, die Meerenge sei am 17. April vollständig freigegeben, halten den Verkaufsdruck aufrecht —THE 2027 fällt an diesem Tag auf sein Monatstief von 35,09 €/MWh. Erst als nur 24 Stunden später die Revolutionsgarden erneut auf Tanker feuern und die Meerenge für „streng kontrolliert“ erklären, dreht der Future wieder nach oben. Zusätzlich Auftrieb verleiht die Meldung über drohende Streiks im australischen LNG-Terminal Ichthys (9,3 Mtpa), sodass THE 2027 den Monat bei 39,12 €/MWh beendet.
Für das Folgejahr THE 2028 gestaltet sich der April weniger turbulent. Ausgehend von 30,40 €/MWh am Monatsauftakt bewegt sich der Kurs in engem Gleichlauf mit dem Frontjahr: Das Hoch von 31,52 €/MWh wird am 7. April markiert, der Tiefpunkt von 28,20 €/MWh am 17. April. Zum Monatsende hin setzt auch hier eine Erholung ein, die den Kontrakt auf 29,95 €/MWh führt. Mit einer Schwankungsbreite von 10,5% bleibt das Folgejahr deutlich ruhiger als THE 2027 mit 24,7 %.
Im Zwölf-Monats-Vergleich zeigt Gas eine deutlich stärkere Preisdynamik als Strom. THE 2027 notiert zuletzt 29,6 % über seinem Vorjahreswert, THE 2028 immerhin 9,0 %.
Iran-Krise: Bislang kein Ausweg erkennbar
LNG-Preise Ostasien vs. Europa vs. Gaspreis EU
(Frontmonat, umgerechnet, Quelle: ISPEX Kompass, Kurse: CME)
Der April zeigt, wie die Straße von Hormus vom akuten Kriegsschauplatz zum dauerhaften geopolitischen Faktor geworden ist. Das Scheitern der Verhandlungen in Pakistan am 12. April legt den Kern des Konflikts offen: Washington besteht darauf, die Nuklearfrage vorrangig zu behandeln, Teheran will erst die Blockade iranischer Häfen beendet sehen. Beide Positionen lassen sich bisher nicht überbrücken, und ein belastbarer Verhandlungsrahmen existiert offenbar nicht.
Die US-Blockade iranischer Schiffe ab dem 13. April zeigt ein widersprüchliches Bild: Einerseits passiert ein chinesischer Tanker die Meerenge ungehindert, und neun weitere Schiffe – ausschließlich Einheiten der iranischen Schattenflotte – schlüpfen laut dem Analyse-Unternehmen Kpler bis zum 23. April durch. Andererseits bringt das US-Militär am 19. April einen iranischen Frachter auf hoher See unter Kontrolle – ein Signal, dass Washington den Druck auch jenseits der Meerenge selbst aufrechterhalten will. Das Katz-und-Maus-Spiel findet damit nicht nur im Gebiet von Hormus statt, sondern auf mehreren Schauplätzen gleichzeitig.
Die Besonderheit im April ist die extreme Halbwertszeit von Entspannungssignalen. Als der iranische Außenminister am 17. April die Meerenge für „vollständig frei“ erklärt, reagieren die Kurse am Gasmarkt mit einem Rückgang auf das Monatstief – die Händler preisen die Meldung ein. Gut 24 Stunden später schießen Revolutionsgarden erneut auf Tanker und erklären die Meerenge für „streng kontrolliert“. Dass eine offizielle Außenministererklärung das Verhalten der Revolutionsgarden nicht bindet, ist dabei keine Überraschung, sondern ein strukturelles Merkmal des iranischen Systems – und genau das macht eine verlässliche Preisfindung so schwierig: Entspannungssignale müssen stets gegen die Möglichkeit diskontiert werden, dass sie nicht die gesamte iranische Kommandokette erreichen.
Anfang Mai versucht die US-Marine unter dem Namen „Operation Freedom“, festsitzende Handelsschiffe durch Hormus zu eskortieren – für Teheran ein Bruch der Waffenruhe. Am 4. Mai kommt es im Zuge dessen zu den ersten direkten Gefechten seit Waffenstillstandsbeginn: Der Iran feuert auf die VAE und setzt eine Ölraffinerie in Fudschaira in Brand, das US-Militär zerstört mehrere iranische Schnellboote. Fazit: Weder temporäre Waffenstillstände noch militärischer Druck haben bisher eine Aussicht auf Stabilität geschaffen. Die Unsicherheitsprämie bleibt – Tendenz steigend.
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(Ian Ditt, ISPEX Rechtsanwaltsgesellschaft)
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