Energiemarkt-Kommentar: Auf neue Rekorde folgt Abwärtsbewegung

ISPEX, Energiemarkt, Kommentar, Strom, Gas, Erdgas, Juni 2022

Nach einem Monat mit abermals neuen Rekorden beim Strom-Frontjahr, geben die Kurse zuletzt stark nach. Noch ist unklar, ob es zu einer Trendwende kommt. Doch bestehen Chancen für eine vorsichtige Entspannung an den Börsen für Strom und Gas.

Strombörse: Base 2023 im Monatsmittel mit Plus von 14,2 %

Preisentwicklung Strom Phelix Base und Peak für das Jahr 2023 (Quelle: EEX)

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Im Monat Mai setzt Base 2023 den steilen Aufwärtstrend der zurückliegenden Monate fort. Am ersten Handelstag kostet die Notierung noch 200,47 €/MWh. Doch die Nervosität hinsichtlich der Gasversorgung sorgt kurz vor dem „Tag des Sieges“ in Russland am 9. Mai abermals für Kurssprünge und neue Rekorde: Am Freitag, den 6. Mai, beendet Base 2023 die erste Handelswoche des Monats bereits mit 224,60 €/MWh.

Zeitgleich weiten die Finanzinvestoren ihre Positionen am EUA-Markt kräftig aus und treiben damit den europäischen CO2-Preis auf das höchste Niveau seit Kriegsbeginn. Der EUA-Frontmonat kostet jetzt 91,14 €/t – ein Anstieg um 8,49 €/t bzw. rund 10 % innerhalb von nur vier Handelstagen.

Die befürchtete Mobilmachung oder gar eine Kriegserklärung Russlands an die NATO bleiben am 9. Mai allerdings aus. Base 2023 gibt am 10. Mai deutlich nach. Mit 214 €/MWh kann sich der Kurs allerdings deutlich oberhalb des Niveaus zu Monatsanfang halten. Doch prompt folgen zwei neue Schocks: Der Stopp des Gastransits durch die Ukraine über die Sojus-Pipeline in Verbindung mit den Kampfhandlungen im Donbass am 11. Mai. Und Gazprom teilt am 12. Mai mit, dass die ehemals deutsche Tochter Gazprom Germania nicht mehr mit Gas beliefert werde. So setzt sich die Rallye fort und Base 2023 kostet am 13. Mai 229,70 €/MWh.

Für weiteren Schub im Stromgroßhandel sorgen erneut die Emissionsrechte. Der Umweltausschuss (ENVI) des EU-Parlaments spricht sich trotz der Energiekrise für eine deutliche Verschärfung des Emissionshandels aus. Der EUA-Frontmonat klettert am 17. Mai bis auf 91,34 €/t und Base 2023 markiert einen neuen Rekord mit 232,88 €/MWh. Doch am Folgetag verkündet die EU-Kommission, im Rahmen des Programms RePowerEU 250 Mio. EUA zusätzlich zu versteigern, um mit den Einnahmen Investitionen in die Energieinfrastruktur zu finanzieren. Der Kurs bricht ein und kostet am 23. Mai nur noch 77,80 €/t. Gleichzeitig beruhigt sich die Lage am Gasmarkt, da die neuen Zahlungsbedingungen von Gazprom offenbar nicht zu Komplikationen mit den Hauptabnehmern in der EU geführt haben.

Die Ankündigung der Bundesregierung am 24. Mai, im Ernstfall verstärkt Kohle- und teure Ölkraftwerke aus der Reserve zu holen, wirkt sich vorrangig auf das Strom-Frontjahr aus. Zudem drohen zum Monatsende Stopps russischer Gaslieferungen an Dänemark und die Niederlande. Base 2023 beendet den Mai mit einem neuen Rekord von 239,50 €/MWh. Gegenüber dem Vormonat legt der Kurs im Mittel um 14,2 % zu. Base 2024 kostet 21,6 % mehr und Base 2025 verzeichnet ein Plus von 26,7 %.

Gasbörse: THE 2023 im Mai mit Plus von knapp 5 %

Preisentwicklung Erdgas THE (NCG bis 30.09.21) für das Jahr 2023 (Quelle: EEX)

Gaspreis, Beschaffung, Unternehmen, Gas, Preis, Börse, Juli 2022

Erdgaslieferungen für das kommenden Jahr haben sich im Mai abermals mit im Mittel 90,73 €/MWh gegenüber dem Vormonat mit 86,62 €/MWh verteuert. Zurückzuführen ist dies allerdings auf zwei extreme Preissprünge von nur kurzer Dauer. Der Maximalwert des Monats von 99,54 €/MWh am 5. Mai steht im Zusammenhang mit den Sorgen im Vorfeld des russischen „Tag des Sieges“ am 9. Mai. Der zweithöchste Wert lässt sich auf den Abbruch des Transits durch die Sojus-Pipeline am 11. Mai und den Lieferstopp von Gazprom an ihre ehemals deutsche Tochter Gazprom Germania am 12. Mai zurückführen. THE 2023 steigt dadurch bis auf 96,76 €/MWh am 12. Mai. Doch nur eine Woche später gleitet der Kurs abwärts und erreicht am 23. Mai einen vorübergehenden Tiefpunkt von 86,59 €/MWh. Da Dänemark und die Niederlande die Rechnungen von Gazprom nicht entsprechend den neuen Zahlungsbedingungenen begleichen wollen, droht zum Monatsende der Lieferabbruch. Dies sorgt erneut für eine bullishen Impuls, der allerdings nicht weiter trägt als bis maximal 91,89 €/MWh und erneut für nur kurze Zeit wirkt. Am 10. Juni geht THE 2023 mit 86 €/MWh aus dem Handel.

Im Vergleich zum April legt THE 2023 im Mai durchschnittlich um 4,7 % zu. THE 2024 kostet 7,8 % mehr. Für THE 2025 werden 7,1 % mehr fällig als noch im Vormonat.

Ausblick: Trotz widriger Umstände Chancen für Phase der Entspannung

Der Auftakt in den Monat Juni beginnt an der Strombörse mit neuen Rekorden für Base 2023 sowie Base 2024. Das Frontjahr kratzt am 3. Juni an der Marke von 250 €/MWh und das Folgejahr beendet den Tag mit 195 €/MWh. Am Gasmarkt steigen die Kurse zwar auch, allerdings vergleichsweise geringfügig. THE 2023 kostet Anfang Juni maximal 91,50 €/MWh, deutlich unter dem Rekord vom 5. Mai mit 99,54 €/MWh. Sogar die Strom-Terminkontrakte am kurzen Ende steigen nicht, sondern setzen ihren Sinkflug seit Mitte Mai fort. So fällt zum Beispiel das 3. Quartal des laufenden Jahres auf den niedrigsten Stand seit Kriegsausbruch mit bis zu 189,36 €/MWh am 8. Juni.

Mit Sorgen um einen baldigen Zusammenbruch der russischen Gasimporte ist diese Entwicklung nicht zu erklären. Vielmehr konzentrieren sich die Risikoaufschläge auf die kritischen Wintermonate, wenn ein Abbruch der Gasversorgung ex Russland besonders schädlich wäre. Statt Erdgas müssten im Worst Case verstärkt teure Importe oder die Verstromung von Öl zum Einsatz kommen – möglicherweise zu exorbitant hohen Kosten.

Allerdings wirkt dieses Szenario weniger wahrscheinlich, wenn man die Entwicklung des Gasspeicherstandes betrachtet. Aktuell liegt dieser in Deutschland bereits oberhalb von 55 %. Wenn man das gegenwärtige Tempo der Einspeicherung bis in den Herbst linear fortschreibt, wären die Lagerstätten allesamt voll. Der Blick in die Vergangenheit verrät zudem, dass nur in Jahren mit ohnehin hohen Vorräten im Verlauf der Einspeicherperiode (2019 sowie 2020) besagtes Tempo bezogen auf das laufende Jahr zu gering ausfiele.

Erdgas-Speicherstand Deutschland – Projektion anhand historischer Bestandsänderungen
(Quelle: ISPEX, GIE)

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Entscheidend ist für die Marktteilnehmer darüber hinaus, dass die Frage der neuen Zahlungsbedingungen von Gazprom offenbar geklärt ist. Wer diesen nicht entsprechen will, wie z.B. Dänemark, die Niederlande sowie Polen, erhält kein Erdgas mehr aus Russland. Aber Länder wie Deutschland und Italien scheinen einen Weg zwischen EU-Sanktionen und dem Dekret des Kremls gefunden zu haben.

Im Ergebnis fallen jetzt besonders die Kurse für Strom entlang der Terminkurve. Allerdings ist das Abwärtspotenzial begrenzt. Bei deutlichen Verlusten ist schließlich mit einer Wiederbelebung der Nachfrage zu rechnen und die Risiken bleiben unter den gegebenen Umständen außergewöhnlich hoch.

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Die Analyse der genannten Energiepreise wurde mit größtmöglicher Sorgfalt erstellt und dient lediglich zu Informationszwecken. Die ISPEX AG und/oder der Autor übernehmen weder das Risiko einer Investitionsentscheidung, die auf obiger Analyse basiert, noch Verantwortung für eventuell daraus entstehende Verluste oder Kosten. Diese trägt der Investor alleine.

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