Energiemarkt-Kommentar: Warum die Preise (noch) nicht eskalieren
Von ISPEX am 11. Jun 2026
Die Straße von Hormus bleibt blockiert, die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran stocken, und dennoch notieren die Terminmärkte für Strom und Gas nicht auf akutem Krisenniveau. Das Strom-Frontjahr liegt gut 21 % über Vorjahr, Gas rund 28 % – Aufschläge, die angesichts eines geschätzten LNG-Defizits am Weltmarkt von 20 % bemerkenswert moderat wirken. Mehrere Faktoren dämpfen den Preisanstieg: verzögerte Bevorratung in Europa, schwache asiatische Nachfrage, hohe US-Exporte und vor allem die Marktüberzeugung, dass Washington den Konflikt rasch beenden will. Doch jeder dieser Faktoren kann kippen – und mit ihm das fragile Gleichgewicht.
Strom-Frontjahr zieht zuletzt wieder an
Stromkurse Deutschland für Lieferung in den kommenden Jahren
(Quelle: ISPEX Kompass, Daten: EEX)
DE Base 2027 startet am 4. Mai bei 92,84 €/MWh und fällt zunächst auf sein Periodentief von 90,24 €/MWh am 7. Mai – im Umfeld der kurzfristigen Entspannung nach dem Stopp der US-Mission „Project Freedom“ in der Straße von Hormus. Anschließend setzt eine kontinuierliche Aufwärtsbewegung ein, die den Future bis zum 10. Juni auf 95,96 €/MWh führt – zugleich das Hoch im Betrachtungszeitraum. Die Schwankungsbreite beläuft sich auf 6,3 %, die Gesamtveränderung auf +3,4 %.
Das Folgejahr DE Base 2028 bewegt sich mit einer Schwankungsbreite von 3,6 % deutlich ruhiger: Ausgehend von 79,35 €/MWh markiert der Kontrakt sein Tief am 14. Mai bei 78,58 €/MWh und sein Hoch am 1. Juni bei 81,37 €/MWh. Zum Periodenende notiert er bei 81,36 €/MWh, ein Plus von 2,5 % seit Anfang Mai.
Im Vorjahresvergleich liegt das Frontjahr aktuell 21,3 % höher, das Folgejahr rund 16 % über dem Niveau von Mitte Juni 2025. Beide Kontrakte folgen damit weiterhin der Entwicklung am Gasmarkt.
Gas-Frontjahr stößt bei rund 40 €/MWh auf Widerstand
Gaskurse Deutschland für Lieferung in den kommenden Jahren
(Quelle: ISPEX Kompass, Kurse: EEX)
THE 2027 eröffnet den Review-Zeitraum am 4. Mai bei 40,32 €/MWh und erreicht sein Hoch bereits am 19. Mai mit 40,34 €/MWh – begleitet von US-Wartungen an den Exportterminals Freeport und Sabine Pass, die das LNG-Feedgas auf den niedrigsten Stand seit Januar drückten, sowie von Trumps Aussage, die Verhandlungen befänden sich in den „final stages“. Anschließend gibt der Kontrakt deutlich nach: Meldungen über ein mögliches 60-Tage-Memorandum zwischen den USA und dem Iran sowie die Aussicht auf eine schrittweise Öffnung der Straße von Hormus drücken die Notierung bis auf ihr Periodentief von 37,65 €/MWh am 25. Mai.
Der anschließende Anstieg bleibt verhalten; erneute Gefechte Anfang Juni und die Ablehnung einer Waffenruhe durch Israel und die Hisbollah am 4. Juni stützen den Kurs nur vorübergehend. Zum 10. Juni notiert THE 2027 bei 39,69 €/MWh und damit 1,6 % unter dem Niveau von Anfang Mai. Das Folgejahr THE 2028 zeigt einen ähnlichen Verlauf mit geringerer Amplitude: Das Hoch von 30,19 €/MWh fällt auf den Periodenstart, das Tief von 29,10 €/MWh auf den 25. Mai. Zum Periodenende steht der Kontrakt bei 29,80 €/MWh, die Schwankungsbreite beträgt 3,7 %. Im Zwölf-Monats-Vergleich liegt THE 2027 rund 27,5 % über Vorjahr – ein deutlicher Aufschlag, der die geopolitische Risikoprämie widerspiegelt.
Zusätzliche Angebotsrisiken kommen aus Australien: Am Ichthys-Terminal begann am 2. Juni ein begrenzter Streik, ab dem 11. Juni drohen umfassendere Arbeitsniederlegungen. Auch die norwegische Tarifeinigung vom 5. Juni verhinderte nur knapp einen Streik im Gassektor – eine marktstabilisierende Einigung angesichts ohnehin knapper Versorgung. Derweil nahm Katar laut Satellitendaten die Inbetriebnahme von Train 2 der LNG-Anlage South in Ras Laffan wieder auf – ein Signal, dass das Emirat trotz blockierter Meerenge womöglich auf eine baldige Öffnung setzt.
Hormus: Warum die Preise (noch) nicht eskalieren
LNG-Einspeisung in Gasnetze der EU
(Quelle: ISPEX Kompass, Daten: GIE)
Angesichts einer blockierten Meerenge und eines geschätzten LNG-Defizits von rund 20 % wäre ein deutlich höheres Preisniveau zu erwarten. Dass die Terminmärkte bislang nicht eskalieren, hat mehrere Gründe – und jeder einzelne ist fragil.
Europa verzögert die Bevorratung. Mit Speicherständen von zuletzt rund 35 % in Deutschland liegen die Vorräte zwar deutlich unter dem saisonalen Normwert von etwa 50 %, doch viele Einkäufer warten ab, statt zu aktuellen Preisen einzudecken. Die Hoffnung auf ein baldiges Abkommen dämpft die Kaufbereitschaft – eine Wette, die sich als teuer erweisen kann, falls die Verhandlungen scheitern.
In Fernost wirkt derweil Demand Destruction: Chinas LNG-Importe lagen im April auf dem niedrigsten Niveau seit April 2018, und die Asien-Prämie zieht bislang nicht genug Ladungen ab, um Europa unter akuten Druck zu setzen. Gleichzeitig kompensieren hohe US-Exportmengen einen Teil des Ausfalls an den Weltmärkten, während LNG Canada an der kanadischen Westküste erstmals seine Kapazitätsgrenze erreichte.
Der entscheidende Unterschied zu 2022 liegt in der Unsicherheit über die Dauer der Disruption. Damals war klar, dass russisches Pipeline-Gas auf Jahre wegfallen würde; der Markt preiste einen strukturellen Angebotsschock ein. Heute könnte ein Abkommen zwischen Washington und Teheran – zumindest theoretisch – jederzeit verkündet werden. Das kolportierte 60-Tage-Memorandum von Ende Mai nährt diese Erwartung, auch wenn Trump mit der Zustimmung zögert und erneute Gefechte Anfang Juni die Fragilität offenlegen. Die Raketenangriffe zwischen Israel und Iran am 8. Juni sowie das Huthi-Verbot für israelische Schiffe im Roten Meer zeigen, wie schnell sich die Lage verschärfen kann. Der Markt setzt dennoch darauf, dass Washington den Konflikt rasch beenden will – und preist dieses Szenario ein.
Genau das macht die Lage riskant. Sollte die Hoffnung auf ein rasches Ende erkennbar schwinden, die asiatische Nachfrage anziehen oder die europäische Bevorratung unter Zeitdruck geraten, fehlt der Puffer. Die dämpfenden Faktoren sind keine strukturelle Entlastung, sondern aufgeschobene Risiken. Eine nachholende Preiseskalation bleibt möglich – und die Wahrscheinlichkeit steigt mit jedem gescheiterten Verhandlungsanlauf.
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Die Analyse der genannten Energiepreise wurde mit größtmöglicher Sorgfalt erstellt und dient lediglich zu Informationszwecken. Die ISPEX AG und/oder der Autor übernehmen weder das Risiko einer Investitionsentscheidung, die auf obiger Analyse basiert, noch Verantwortung für eventuell daraus entstehende Verluste oder Kosten. Diese trägt der Investor alleine.
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