Energiemarkt-Kommentar: Auf Krieg folgt Hitze
Von ISPEX am 8. Jul 2025
Kein anderes Thema bewegt die Energiemärkte im Juni so stark wie der 12-Tage-Krieg zwischen Israel und dem Iran. Die Erdgasproduktion in der Region ist teilweise von Ausfällen betroffen und Tanker meiden die Straße von Hormus. Doch das Worst Case-Szenario eines großen Krieges bleibt aus und eine erneute Energiekrise ebenso. Anschließend rücken die Hitzewellen in Europa sowie Ostasien in den Fokus der Energiehändler.
Energiemärkte reagieren noch relativ gelassen auf Luftkrieg im Nahen Osten
Entwicklung der Stromkurse für die kommenden Jahre
(Stand: 04.07.25, Quelle: ISPEX Kompass)
In der Zeit vom 2. bis zum 10. Juni stehen die Händler noch unter dem Eindruck der Handelskonflikte der USA – insbesondere mit China sowie der EU. In der Folge hatten die Strom- und Gaskurse Ende Mai stark nachgegeben. DE Base 2026 notiert im Juni zunächst im Bereich von rund 87 bis 89 €/MWh, während THE 2026 zwischen 35 und 36 €/MWh pendelt. Am 11. Juni informiert die US-Regierung, dass im Nahen Osten Teile ihres Personals rasch abgezogen wird. Zwei Tage später beginnen die Angriffe Israels auf den Iran und Israel stellt Teile seiner Gasproduktion vor der heimischen Küste ein. Schon seit Jahren stand ein Militärschlag auf die Nuklearanlagen Teherans zu befürchten. Einigermaßen überraschend ist jedoch, dass Israel offenbar im Alleingang handelt.
Für Energiehändler steht jetzt die Frage im Vordergrund, ob die Straße von Hormus passierbar bleibt, über die gut 20 % der globalen LNG-Exporte verschifft werden. THE 2026 steigt am 13. Juni bis auf 37,35 €/MWh und DE Base 2026 legt auf 92,18 €/MWh zu. Erste Tanker stoppen vor der Meerenge, die zwischen dem Iran und den Vereinigten Arabischen Emiraten liegt. Schließlich haben die iranischen Revolutionsgarden in der Vergangenheit wiederholt die rasche Verlegung von Seeminen geprobt und ein Kapern von Handelsschiffen ist ebenfalls nicht auszuschließen. Die Versicherungsprämien für das Seegebiet steigen stark an.
Entwicklung Erdgas-Terminkurse
(Stand: 04.07.25, Quelle: ISPEX Kompass)
Am Wochenende des 14./15. Juni werden auch iranische Gas- und Ölproduktionsanlagen von israelischen Bomben getroffen. Je weiter die Israelis das Spektrum der Angriffsziele ausweiten, desto höher scheint die Gefahr für Gegenschläge des Iran auf US-Einheiten in arabischen Ländern. Dem gegenüber steht die Einschätzung, dass das Regime eine direkte Beteiligung der USA vermeiden will. Wohl nicht zuletzt aus diesem Grund sieht Teheran bislang davon ab, die Straße von Hormus zu blockieren. Aus Sicht zahlreicher Militärexperten gilt wiederum Israel als angewiesen auf offensive Unterstützung seitens der Amerikaner, um die Nuklearanlagen in den iranischen Bergen möglichst zu zerstören. Ein Szenario, dass der US-Präsident jedenfalls nicht ausschließt. THE 2026 steigt bis auf maximal 39,72 €/MWh am 19. Juni – ein Plus von 9,7 % binnen einer Woche und der höchste Stand seit dem 21. Februar. Die deutschen Stromkurse beteiligen sich allerdings nicht im gleichen Maße an der Rallye, was auf die zeitgleichen Verluste am EUA-Markt zurückzuführen ist. DE Base 2026 steigt um 3,5 % WoW auf 93,24 €/MWh.
Wenige Tage später erfolgt bekanntlich die Bombardierung iranischer Nuklearanlagen durch die USA an einem Wochenende, wenn die Börsen geschlossen sind. Schon am Folgetag reagieren die Iraner mit Schlägen gegen die größte US-Basis in der Region in Katar. Zu diesem Zeitpunkt herrscht an den Märkten bereits die Einschätzung vor, dass dem Iran nur wenige Möglichkeiten zu einer größeren Vergeltung geblieben sind, angesichts der verlorenen Lufthoheit über weite Teile des eigenen Landes. Überdies können Trader auf Satellitenbildern erkennen, dass die Basis in Katar scheinbar frühzeitig von den USA geräumt wurde. Und solange US-Soldaten bei Angriffen durch den Iran nicht ums Leben kommen, bleibe auch das Eskalationspotenzial begrenzt, so die Ratio von Investoren. Wozu freilich beiträgt, dass die Iraner ihre Gegenschläge ankündigen. Eine Fortsetzung der Rallye an den europäischen Gasmärkten bleibt daher aus, der Dramatik jener Tage zum Trotz.
ISPEX-Prognose Gas-Frontjahr vom 06.06.25 vs. Ist-Entwicklung
(Stand: 04.07.25, Quelle: ISPEX Kompass)
Am Dienstag, den 24. Juni, ruft der US-Präsident überraschend einen Waffenstillstand aus und Teheran signalisiert recht schnell seine Zustimmung. Innerhalb von nur einem Handelstag wird das gesamte Risiko in Verbindung mit dem Krieg ausgepreist: THE 2026 sackt um 7,8 % auf 35,92 €/MWh ab und DE Base 2026 fällt von 92,25 €/MWh auf 88,29 €/MWh. Kurz- bis mittelfristig scheint die Lage im Nahen Osten schlagartig entschärft. Doch das Regime im Iran existiert weiter und der internationalen Atomaufsicht IAEA fehlt jede Spur von mehr als 400 kg hochangereichertem Uran. Ob jetzt auf diplomatischem Wege eine dauerhafte Friedenslösung erzielt werden kann und wir unser Szenario „Iran-Krieg“ zu den Akten legen können, hängt nicht zuletzt am Willen der iranischen Führung auf eine Urananreicherung im Inland (weitgehend) zu verzichten.
Hitze bringt Stromsystem ans Limit
Bis Ende Juni setzt sich die Abwärtsbewegung an den Terminmärkten fort. THE 2026 beendet den Juni mit 34,40 €/MWh auf dem tiefsten Stand seit Anfang Mai wie auch DE Base 2026 mit 84,58 €/MWh. Die Aufmerksamkeit der Händler richtet sich wieder verstärkt auf ein fundamentales Thema: Das Wetter. Die Temperaturen in Europa und in Teilen Asiens sind in weiten Teilen bereits hoch und sollen zum Monatswechsel auf Rekordniveau ansteigen. In der Konsequenz ziehen die LNG-Preise für eine Lieferung im August zuletzt stark an.
Terminkurve LNG-Europa
(Stand: 03.07.25, Quelle: ISPEX Kompass)
Das ECMWF prognostiziert für Südeuropa Gradzahlen, die im Wochenmittel um bis zu Plus 6 ℃ vom längerfristigen Mittel zu dieser Jahreszeit abweichen, was vielerorts Tagesmaximalwerte von mehr als 40 ℃ bedeutet. Entsprechend groß ist die Belastung für die Energiesysteme, insbesondere dann, wenn in den frühen Morgen- oder späten Abendstunden Flaute herrscht. Besonders betroffen ist Frankreich. Geringe Niederschlagsmengen sorgten bereits für eine unterdurchschnittliche Kapazität der Wasserreservoirs. Dabei ist die Wasserkraft nach den Nuklearanlagen die zweitwichtigste Erzeugungsform für die Grundlast im Land.
Mit der Hitze müssen nun zusätzlich die AKW-Reaktoren kurzfristig gedrosselt werden. Obendrein meldet die Atomaufsicht am 11. Juni, dass im Kühlsystem von Civaux 2 erneut Hinweise auf Korrosionsschäden vorliegen. Im Jahr 2022 hatten jene Mängel zu langwierigen Ausfällen von bis zu 32 von 56 Reaktoren geführt. Im Worst-Case drohen erneut mehrmonatige Wartungen und steigende Energiepreise auch bei uns. Zuletzt sind 8 % der Kapazitäten (ca. 5 GW) ungeplant nicht verfügbar. Total sind 32,6 % der Kapazitäten offline (inkl. geplanter Wartungen).
Französische Kernkraftwerke – Ungeplante Ausfälle
(Stand: 04.07.25, Quelle: ISPEX Kompass)
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Die Analyse der genannten Energiepreise wurde mit größtmöglicher Sorgfalt erstellt und dient lediglich zu Informationszwecken. Die ISPEX AG und/oder der Autor übernehmen weder das Risiko einer Investitionsentscheidung, die auf obiger Analyse basiert, noch Verantwortung für eventuell daraus entstehende Verluste oder Kosten. Diese trägt der Investor alleine.
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