Energiemarkt-Kommentar: Politik bestimmt jetzt das Marktgeschehen

ISPEX, Energiemarkt, Kommentar, Strom, Gas, Erdgas, September 2022

Im August verschieben die Kurse an den Märkten für Strom und Gas abermals die Grenzen des Vorstellbaren. Mit 985 €/MWh kostet die Grundlast für das Strom-Frontjahr knapp 1 €/kWh. Dieser Spitzenwert, der die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Deutschlands grundlegend in Frage stellt, ruft jetzt die Politik auf den Plan. ISPEX zeichnet die jüngste Entwicklung für Sie nach.

Strombörse: Base-Frontjahr mit neuem Rekord von fast 1 €/kWh

Preisentwicklung Strom Phelix Base und Peak für das Jahr 2023 (Quelle: EEX)

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Am ersten Handelstag im August kostet Base 2023 rund 384 €/MWh. Bereits am 4. August überschreitet der Kurs die Marke von 400 €/MWh, nachdem Gazprom am Vortag erklärt hat, dass die Wiedereinfuhr der fehlenden Turbine aus Deutschland aufgrund von Sanktionen gegen Russland nicht erfolgen könne. Am 5. August folgt die Nachricht aus Finnland, demnach über die Grenze hinweg zu beobachten sei, wie Gazprom im großen Stil Erdgas abfackelt. Zunächst bleibt die Marktreaktion verhalten – Base 2023 notiert bis in die zweite Augustwoche hinein bei etwa 406 €/MWh.

Gestützt werden die Kurse am Strommarkt in diesen Wochen zudem von der Wetterlage. Der Rhein führt Niedrigwasser, die Versorgung der Kohlekraftwerke ist nur noch stark eingeschränkt möglich. Die Meteorologen prognostizieren Anfang August anhaltende Trockenheit bis zum Monatsende. In Frankreich droht die ohnehin kritische Verfügbarkeit der Kernkraftwerke um weitere 16 GW einzubrechen, sofern deren Kühlung aus Umweltschutzgründen eingeschränkt werden muss. Am 8. August gibt die französische Regierung bekannt, diesbezüglich eine Ausnahmeregelung zu erteilen. Zu einer Beruhigung der Märkte führt dies jedoch nicht. Stattdessen legt Base 2023 stark zu – zur Monatsmitte bis auf ca. 477 €/MWh.

Am 19. August folgt eine weitere Hiobsbotschaft von Gazprom: die letzte aktive Nord Stream-Turbine soll für drei Tage gewartet werden, die Pipeline somit ab dem 31. August erneut komplett ausfallen. Die Sorgen um einen permanenten Lieferstopp treiben Base 2023 in der Folge auf einen neuen Rekord von 985 €/MWh am 26. August. Doch schnell machen Meldungen die Runde, dass die Politik nun einschreiten will. So kündigt die EU-Kommission am 29. August an, sowohl mit Notfallmaßnahmen als auch mit einer Änderung des Strommarktdesigns auf das Drama an den europäischen Energiebörsen reagieren zu wollen. Am 31. August geht die Pipeline wie angekündigt vom Netz und Base 2023 beendet den Monat mit 575,83 €/MWh.

Im Monatsmittel hat sich der Base-Kurs für das Frontjahr im August um 55,5 % verteuert. Base 2024 legt um 43,6 % zu, während das Plus bei Base 2025 rund 24 % beträgt.

Gasbörse: THE-Frontjahr im August bis zu 314 €/MWh teuer

Preisentwicklung Erdgas THE (NCG bis 30.09.21) für das Jahr 2023 (Quelle: EEX)

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THE 2023 kostet am 1. August rund 161 €/MWh. Bis in die zweite Augustwoche läuft die Notierung weitgehend seitwärts und überschreitet am 9. August die Marke von 170 €/MWh. Mit den zunehmenden Sorgen um die Gasimporte ex Russland steigt THE 2023 im weiteren Monatsverlauf steil an, nahezu unterbrechungsfrei bis auf 314,43 €/MWh am 26. August. Die Ankündigung von Markteingriffen seitens der EU stoppt den Exzess. Der Kurs fällt in der Folge steiler als er zuvor angestiegen ist. THE 2023 geht am 31. August mit 199,57 €/MWh aus dem Handel.

Im Vergleich zum Juli legt THE 2023 im August durchschnittlich um 51,4 % zu. THE 2024 kostet 60 % mehr, während THE 2025 um 55,5 % ansteigt.

Ausblick: Eingriffe der Politik in Vorbereitung

Gemessen an den Extremen der letzten Wochen ist an den Märkten für Strom und Gas in den ersten Septembertagen eine relative Ruhe eingekehrt. Die Marktteilnehmer warten nun auf Entscheidungen der Politik, welche das Aufwärtspotenzial sowohl bei den Stromkursen als auch den Gaskursen begrenzt. Auch stark fallende Notierungen sind nicht auszuschließen, da die Strompreise mit gegenwärtig rund 500 €/MWh (Base 2023) bzw. ca. 190 €/MWh (THE 2023) wohl kaum als für die Volkswirtschaft tragfähig erachtet werden. Jedoch befinden sich die Institutionen auf EU-Ebene noch im Findungsprozess. So konnten sich die Regierungschefs am 9. September nicht auf eine Obergrenze für russisches Erdgas einigen, obschon eine solche grundsätzlich offenbar eine Mehrheit findet. Der Kreml hat indes klargestellt, dass in diesem Fall kein russisches Gas mehr in die EU exportiert werde. Auch würden die Ausfuhren erst wieder in voller Höhe erfolgen, wenn der Westen seine Sanktionen gegen das Land beende. Eine auf Russland beschränkte Obergrenze dürfte daher kaum zu niedrigeren Preisen führen. Eine allgemeine Gaspreisobergrenze, die auch LNG beträfe, gefährdet hingegen die Versorgungssicherheit der EU, wie Energiekommissarin Simson erklärt.

Nordwesteuropa – Gasimport Russland Jahressummen Hauptrouten (Quellen: ENTSO-G, ISPEX)

ISPEX, Gasimport Russland, Jahressummen, Hauptrouten 2019 2022

Entscheidend wird sein, Gas und Strom einzusparen sowie die Letztverbraucher finanziell zu entlasten. Ein Vorschlag der EU-Kommission sieht vor, dass die Auktionen am Spotmarkt für Strom zwar weiterhin regulär durchgeführt werden. All jene Erzeuger, die kein Erdgas einsetzen, allerdings einen Großteil ihrer Erlöse abtreten müssten. Diese Mittel sollen dann an die Verbraucher verteilt werden. Fraglich ist jedoch, inwiefern diese Maßnahme auch den Unternehmen zugutekäme. Und dieser Eingriff würde nicht zu einer Entkoppelung der Stromkurse von den Gaskursen führen. Die Kurse verblieben wohl weiterhin auf einem sehr hohen Niveau. Für Deutschland macht indes Minister Habeck Hoffnung auf fallende Kosten. Er möchte ggf. allein auf nationaler Ebene aktiv werden.

Erdgas beziehe Deutschland nun jedenfalls keines mehr aus Russland, so Habeck. Der Blick auf die Jahressummen der Pipeline-Importe nach Nordwesteuropa und unsere Projektion der Importmengen über alle drei Hauptrouten für das Restjahr 2022 (rot) zeigen die schwindende Bedeutung Russlands für die EU. Der Einfluss des Kremls auf die weitere Entwicklung der hiesigen Marktpreise könnte schon bald ein Ende finden.

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