Energiemarkt-Kommentar: Chancen im Gaseinkauf
Von ISPEX am 3. Sep 2025
An der Börse fällt der Gaspreis für das kommende Lieferjahr im August auf den niedrigsten Stand seit April und kommt dabei seinem bisherigen Jahrestief sehr nahe. Dies geschieht am 15. August – wenige Stunden vor dem Treffen der Staatschefs Putin und Trump in Alaska. Auch am Strommarkt geht es abwärts, doch im Gegensatz zum Gasmarkt erreicht die Notierung für das Frontjahr längst nicht die Tiefstände aus dem Frühjahr. Denn der CO2-Preis widersetzt sich dem Abwärtsdruck und hält die Strompreise oben.
Entwicklung der Stromkurse für die kommenden Jahre
(Stand: 02.09.25, Quelle: ISPEX Kompass)
Strom-Frontjahr durchbricht Unterstützung bei 85 €/MWh
Bis Mitte August war der 5. Mai der letzte Handelstag, an dem DE Base 2026 weniger als rund 85 €/MWh kostete. Der Juni war im Gegenteil von Ausschlägen bis über die Marke von 90 €/MWh gekennzeichnet. Im Juli folgte dann eine Phase, bei der die Notierung wiederholt bei etwa 85 €/MWh auf Unterstützung traf. Erst am 15. August wird diese Linie durchbrochen und DE Base 2026 sackt auf 83,22 €/MWh ab. Am teuersten ist der Future noch zu Monatsanfang mit maximal 87,56 €/MWh.
Auch die Notierungen für die Jahre 2027 und 2028 geben Mitte August nach, jedoch auf einem gegenüber dem Frühling erhöhten Niveau. DE Base 2027 zeigt sich bereits seit Juni bei 79 €/MWh solide unterstützt und steuert zuletzt auf die Marke von 82 €/MWh zu. Damit befindet sich der Kurs wieder auf dem Niveau vom Jahresanfang. Gleiches gilt für DE Base 2028 mit einem Preis von zuletzt rund 75 €/MWh.
Entwicklung Erdgas-Terminkurse
(Stand: 02.09.25, Quelle: ISPEX Kompass)
Gas-Frontjahr im August fast auf Jahrestiefstand
Am Gasmarkt notiert THE 2026 von Mai bis Ende Juli meist oberhalb von 35 €/MWh. Erst mit der Aussicht auf ein persönliches Treffen zwischen Putin und Trump gerät die Notierung ab dem 7. August stärker unter Abwärtsdruck. Am Tag des Alaska-Meetings der Staatschefs fällt die Notierung im Vorfeld auf 32,56 €/MWh – die Differenz zum Jahrestief vom 25. April beträgt nur +0,10 €/MWh. Nach oben trifft THE 2026 seither bei etwa 34,30 €/MWh auf Widerstand.
Technische Analyse: THE 2026
(Stand: 01.09.25, Quelle: ISPEX Kompass)
Der Kursrutsch von THE 2026 am Freitag, dem 15. August, sorgt für ein Unterschreiten des Bollingerbandes. Und dies erst zum zweiten Mal in diesem Jahr. Das Signal im August bietet Energieeinkäufer:innen eine Chance den Markt zu schlagen, denn das bisherige Jahresmittel von 37 €/MWh wird um gut 4,30 €/MWh (Folgetag) unterschritten.
Die Kurse für die Lieferjahre 2027 und 2028 geben am 15. August ebenfalls stark nach, erreichen jedoch nicht die Tiefs aus dem Frühjahr. THE 2027 fällt bis auf 30,21 €/MWh – am 25. April lag die Notierung bei 29,49 €/MWh. THE 2028 hingegen hatte bereits im Juli kurzzeitig stärker an Wert verloren mit einem Minimum von 27,64 €/MWh. Im August beträgt dieses 27,68 €/MWh. Der bisherige Jahrestiefstand aus dem April beträgt 26,99 €/MWh.
Relative Entwicklung ausgewählter Kurse im Energiekomplex seit Jahresanfang 2025
(Stand: 02.09.25, Quelle: ISPEX Kompass)
THE 2026 verliert seit Jahresanfang rund 20 %
Gegenüber dem 2. Januar hat THE 2026 zu Beginn des Monats September rund 20 % an Wert eingebüßt. Sehr viel geringer sind die Verluste am Strommarkt: DE Base 2026 notiert zuletzt ca. 7 bis 9 % unter dem Niveau vom Jahresanfang. Dafür sorgt zuvorderst die Stabilität am EUA-Markt. Die Verluste im April waren hier nur ein vorübergehendes Phänomen. Bereits seit Mitte Mai notiert der EUA-Frontmonat wieder vorwiegend oberhalb der Marke von 70 €/t.
US-Sanktionen gegen russisches LNG-Terminal in Hinterzimmer formlos beerdigt?
Die europäischen Gaskurse geraten im August unter Druck, als sich ein erstes persönliches Treffen zwischen Putin und Trump in der zweiten Amtszeit des US-Präsidenten anbahnt. Üblicherweise treffen Staatschefs in Konfliktlagen aufeinander, wenn im Vorfeld die Wahrscheinlichkeit auf eine erfolgreiche Verständigung (zumindest in Teilen) hinreichend hoch erscheint. So lautet eine vordergründige Erklärung, dass mit den Gesprächen die Chancen auf eine Waffenruhe zunehmen. Tatsächlich ist davon auszugehen, dass Putin für etwaige Zugeständnisse im Gegenzug Sanktionserleichterungen für seine Energieexporte erwartet. Doch dürften die wenigsten Trader an einen Waffenstillstand geglaubt haben. Es zeichnet sich allerdings ab, dass es in Alaska nicht allein um die Ukraine gehen wird, sondern auch um weitere Anliegen im bilateralen Verhältnis der beiden Staaten, wie etwa die Zukunft der atomaren Rüstungskontrolle.
Gleichzeitig leuchten auf den Bildschirmen der Tracker von Schiffsbewegungen mehrere Punkte unweit des russischen LNG-Terminals Arctic LNG 2 auf. LNG-Tanker, die lange Zeit untätig geblieben waren, werden plötzlich aktiv und scheinen sich auf eine Beladung vorzubereiten. Dabei hat die Anlage seit ihrer Inbetriebnahme im Dezember 2023 bislang noch keinen einzigen Endkunden beliefert. Verantwortlich dafür sind Sanktionen des vormaligen US-Präsidenten Biden, welche auch die Abnehmer der Moleküle getroffen hätten. So machen jetzt Vermutungen die Runde, es könne einen Hinterzimmer-Deal gegeben haben, demnach Trump die Inbetriebnahme des Terminals dulden werde.
Mit der Übernahme des Weißen Hauses durch Trump bestanden schon früh Sorgen in Europa, dass dieser die Sanktionen gegen Russland rasch aufkündigen würde. Das ist formal bislang nicht geschehen, obschon seine Entlassungswellen in den Behörden Zweifel an der Umsetzbarkeit von Strafmaßnahmen aufkommen ließen. Doch am Freitag, dem 29. August, findet eine erste Ladung russischen LNGs aus dem sanktionierten Terminal in China einen Abnehmer. Weitere Tanker werden seither in Russland beladen und sind auf dem Weg gen Fernost.
Sollte Arctic LNG 2 mit einer Produktionskapazität von bis zu knapp 20 Mio. Tonnen im Jahr in den kommenden Monaten ungehindert den Weltmarkt bedienen, würde dies den Abwärtsdruck auf die Gaspreise weiter verstärken. Derzeit gelten zwei von drei Produktionssträngen der Anlage als technisch betriebsbereit. Jedoch herrscht ein akuter Mangel an Eisbrecher-Tankern, die im hohen Norden operieren können. Ein Umladen (Transshipment) in europäischen Häfen ist untersagt und die Route gen Osten wird im Winter unpassierbar. Durch den Einsatz von schwimmenden Lagern (FSU) an der Grenze zu eisfreien Zonen kann Russland dieses logistische Hindernis nur teilweise umgehen.
Waren fallende Kurse zum Ende des Sommers absehbar?
Nicht wenige Energieeinkäufer:innen mit denen wir bei ISPEX in Kontakt kommen, setzten in der Vergangenheit regelmäßig auf fallende Kurse zum Ende des Sommers. Das kann mit Blick auf den Gasmarkt unter Umständen gerechtfertigt sein: Die Gasspeicherstände nähern sich ihrer alljährlichen Zielgeraden und hitzebedingte Risikoaufschläge gehen zurück. Voraussetzung ist allerdings, dass die Marktlage einigermaßen entspannt ist und es nicht wenige Wochen vor Beginn der Heizperiode auf der Nordhalbkugel noch zu einem verschärften „Gerangel“ um LNG-Lieferungen auf dem Weltmarkt kommt. Schon deshalb kann „der Schuss auch nach hinten losgehen“. Es besteht zudem die Gefahr, die Rechnung ohne den europäischen CO2-Preis gemacht zu haben: Gerade in diesem Jahr sehen wir noch Aufwärtspotenzial, wie die ISPEX-Prognose veranschaulicht. Selbst wenn die Gaspreise stabil bleiben, kann ein kräftiger Anstieg am EUA-Markt dafür sorgen, dass DE Base 2026 wieder auf die Marke von 90 €/MWh zusteuert.
ISPEX-Prognose – EUA-Frontmonat: Wir sehen beim europäischen CO2-Preis noch Aufwärtspotenzial (Stand: 01.09.25, Quelle: ISPEX Kompass)
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Die Analyse der genannten Energiepreise wurde mit größtmöglicher Sorgfalt erstellt und dient lediglich zu Informationszwecken. Die ISPEX AG und/oder der Autor übernehmen weder das Risiko einer Investitionsentscheidung, die auf obiger Analyse basiert, noch Verantwortung für eventuell daraus entstehende Verluste oder Kosten. Diese trägt der Investor alleine.
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