Energiemarkt-Kommentar: Grundlast Strom für 2022 jetzt teurer als 200 €/MWh

ISPEX, Energiemarkt, Kommentar, Strom, Gas, Erdgas, Dezember 2021

Der bisherige Höchstwert bei der Grundlast für das Strom-Frontjahr (Base 2022) von rund 160 €/MWh wird von der aktuellen Entwicklung weit überholt. Am 13. Dezember beträgt der Schlusskurs 208,19 €/MWh. Damit nähert sich der Börsenpreis mit großen Schritten einem Niveau, das in der Vergangenheit für Verbraucher Normalität war – allerdings inklusive aller staatlichen Strompreisbestandteile. Haupttreiber der Rekordjagd sind zwar noch immer die Gaspreise, doch seit Anfang Dezember beschleunigt die Rallye am CO2-Markt der EU die Eskalation in ungeahnte Höhen.

Strombörse: Plus 200 % seit Anfang November (Base 2022)

Preisentwicklung Strom Phelix Base und Peak für das Jahr 2022 (Quelle: EEX)

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Am 1. November fällt Base 2022 mit rund 104 €/MWh auf den niedrigsten Stand seit Ende September. Doch der Abwärtstrend, der seit Mitte Oktober angehalten hat, findet an diesem Tag ein Ende. Denn die Hoffnung, dass Russland seine Gasspeicher in Deutschland auffüllt und sich die Versorgungslage etwas entspannt, wird sich nicht erfüllen. Zwar sind bis Ende November geringfügige Zuwächse zu verzeichnen. Doch einhergehend mit kühleren Temperaturen genügen die Einspeisungen nicht, um die Entnahmen auszugleichen. Und just mit der Entscheidung der Bundesnetzagentur (BNetzA) vom 16. November, die Zertifizierung der Pipeline Nord Stream 2 zunächst abzubrechen, beginnen die Einspeicherungen bei der Gazprom-Tochter astora GmbH bis Ende November gen null zu tendieren.

Parallel dazu setzt am Markt für die EU-Emissionsrechte die steilste Rallye seit dem Start des Handelssystems im Jahr 2005 ein. Auslöser ist zuerst die Vereinbarung auf der Weltklimakonferenz vom 4. November. Die 197 Unterzeichnerstaaten haben erklärt, möglichst im Laufe der 2040er Jahre komplett aus der Kohleverstromung auszusteigen. Die führenden Wirtschaftsnationen sollen das Ziel bereits in den 2030er Jahren erreichen. In der Folge steigt der Kurs zunächst bis auf 63,27 €/t. Verstärkt wird das Aufwärtsmomentum vom vorläufigen Bericht der EU-Finanzaufsicht ESMA am 15. November, demnach ein Marktmissbrauch im Handel mit Emissionsrechten und deren Derivaten vorerst nicht nachgewiesen werden könne. Der Kurs klettert daraufhin bis knapp unter die Marke von 70 €/t. Mit der Vorstellung des Koalitionsvertrages von SPD, B90/Grüne sowie FDP am 24. November springt die Notierung innerhalb von zwei Tagen bis auf über 74 €/t. Den Anlass bietet der Plan der Koalitionäre, einen Mindestpreis für die EU-Emissionsrechte in Höhe von 60 €/t einzuführen.

Angetrieben von den Gas- und EUA-Kursen steigt Base 2022 im Verlauf des Monats November bis auf 141,18 €/MWh am letzten Handelstag. Im Monatsmittel kostet der Terminkontrakt Base 2022 123,84 €/MWh, ein Rückgang um rund 2 % gegenüber dem Vormonat. Bei den Folgejahren macht sich der steigende CO2-Preis stärker bemerkbar: Base 2023 legt um 4,9 % zu, die Notierung für das Jahr 2024 kostet gar 6,3 % mehr.

Gasbörse: Plus 186 % seit Anfang November

Preisentwicklung Erdgas THE (NCG bis 30.09.21) für das Jahr 2022 (Quelle: EEX)

Gaspreis, Beschaffung, Unternehmen, Gas, Preis, Börse, Dezember 2021

Der Gaskurs für das Frontjahr (THE 2022) startet mit 45,16 €/MWh in den November. Angesichts mäßiger Gasflüsse und einer sich abzeichnenden Kältewelle steigt die Notierung zunächst bis auf 50,11 €/MWh am 15. November, dem Tag vor der Entscheidung der BNetzA, vorerst keine Entscheidung bezüglich Nord Stream 2 zu treffen. Es folgt ein Kurssprung um rund 10 % auf 55,34 €/MWh innerhalb eines Tages. In der zweiten Monatshälfte führen insbesondere Wetterprognosen zu Kursschwankungen. Die Notierung hält sich allerdings oberhalb von 50 €/MWh und beendet den Monat mit 55,46 €/MWh.

Im Vergleich zum Oktober fällt THE 2022 im Mittel um 6,3 %. THE 2023 weist im Durchschnitt keine Veränderung auf, während die Notierung THE 2024 gut 2,4 % zulegt.

Ausblick: Sorgen vor einer langwährenden Gaskrise nehmen zu

Die Aufwärtsbewegung an der Energiebörse setzt sich im Dezember nahtlos fort. Ab der zweiten Woche beginnt die Lage abermals zu eskalieren mit enormen Steigerungen innerhalb weniger Stunden. Base 2022 verteuert sich allein vom 7.12. auf den 8.12. um rund 24 €/MWh. Zuletzt notiert Base 2022 oberhalb von 200 €/MWh und der entsprechende Gaskurs THE 2022 oberhalb von 80 €/MWh. Auch der EUA-Kurs springt auf ein neues Allzeithoch von 90,75 €/t.

Der hohe CO2-Preis macht sich besonders bei den Kursen für die Jahre ab 2023 bemerkbar: Base 2023 kostet aktuell rund 120 €/MWh und liegt damit noch über dem Niveau von Base 2022 zu Anfang November.

Gaskurse für die Quartale des Jahres 2022 – die Quartale ab Q2/22 sind zuletzt aus ihrer Seitwärtsbewegung ausgebrochen (Quelle: EEX)

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Ein näherer Blick auf die Entwicklung der Gaskurse zeigt für das kommende Jahr, dass bei den Quartalen ab dem Frühling eine Aufholjagd begonnen hat. Die Kurse brechen am 7. Dezember aus ihrer Seitwärtsbewegung unterhalb von 50 €/MWh nach oben aus und verteuern sich binnen einer Woche um rund 50 %. Während bislang der Fokus auf den kommenden Wintermonaten lag, preisen die Marktteilnehmer jetzt offenkundig ein höheres Risiko für die Gasversorgung im gesamten Jahr 2022 ein. Die zügige Entleerung der Gasspeicher in Verbindung mit geringen Gasflüssen aus Russland nährt die Sorge, dass der Winter mit einem Füllstand nahe der Nullprozent-Marke beendet werden wird. Entsprechend hoch fiele die Gasnachfrage in der Einspeicher-Saison aus. Doch mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass eine Inbetriebnahme von Nord Stream 2 sogar erst im Herbst 2022 erfolgen könnte. Der eventuell drohende Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine lässt darüber hinaus befürchten, dass die Pipeline auf absehbare Zeit überhaupt nicht in Betrieb geht und Russland seine Lieferungen über die Ukraine gänzlich einstellt. Das erscheint angesichts der Bedeutung der Einnahmen aus dem Gasgeschäft zwar als ein wenig wahrscheinliches Szenario. Doch der Kreml verfügt über einige Reserven, insbesondere aus dem Ölexport. Ökonomische Rationalität ist außerdem nur ein Faktor im politischen Kalkül und nicht zwingend oberste Handlungsmaxime von Regierungen.

Die Marktsituation bleibt auch im neuen Jahr unberechenbar, solange die Frage der Gasversorgung nicht gelöst ist.

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